Paukenschlag
am Donnerstag
No. 18 /2017
vom 1. Juni 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Pfingstfest und
Demokratie

 

Wenn es etwas gibt, im christlichen Glauben, was einer Prüfung zugänglich ist, dann ist das das Wirken des Heiligen Geistes in den Worten und Taten der Christen.

Versucht man, die Heilige Schrift der Christen daraufhin zu untersuchen, woran die Wirkungen des Heiligen Geistes zu erkennen sein sollten, ergeben sich deutliche Hinweise.

Der offenkundigste Hinweis ist darin zu sehen, dass, wer vom Heiligen Geist erfüllt ist, fähig ist, seine Gedanken so zu übertragen, dass sie selbst das Hindernis fremder Sprachen überwinden und von jedermann unmittelbar verstanden werden können.

Das jedenfalls war die erste Wirkung der Ausgießung des Heiligen Geistes, so wie sie in der Apostelgeschichte des Lukas beschrieben wird.

Diese Wirkung ließ jedoch schnell nach.

Die ersten getauften und damit mit der Gabe des Heiligen Geistes versehenen Christen zeichneten sich danach dadurch aus, dass sie eine "Kommune" bildeten, beeinander waren und alle Dinge gemeinsam nutzten. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

Es lässt sich daraus schließen, dass ein starkes Element im Wirken des Heiligen Geistes darin besteht, dass das "Neue Gebot", das Jesus verkündete: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", zur Selbstverständlichkeit im Wesen der getauften Christen werden sollte.

Was ist davon geblieben, außer einem langen Wochenende?

Wer dieser Frage ernsthaft nachgeht, wird feststellen, dass vom Wirken des Heiligen Geistes in der Christenheit nichts mehr festzustellen ist, abgesehen davon dass die wenigen noch wirklich Gläubigen daran glauben, dass damals, vor rund 2.000 Jahren, tatsächlich einmal der Heilige Geist über einige Menschen gekommen ist.

Fragt man diese jedoch, ob sie das Wirken des Heiligen Geistes in sich selbst feststellen können, und wie sich das konkret in ihrem Leben äußert, werden überzeugende Antworten ausbleiben.

Der "Erinnerungsglaube", der heute darin besteht, zu glauben, dass Moses die 10 Gebote empfangen hat, dass Propheten auf das Kommen des Heilands hinwiesen, dass ein Knäblein in einem Stall zu Bethlehem geboren wurde, das zum Mann heranwuchs, der dann Wasser in Wein verwandelte, Kranke heilte, Tote auferweckte und übers Wasser gehen konnte, dem Jünger nachfolgten, bis er von den Römern ans Kreuz geschlagen wurde und starb, der aber nach drei Tagen auferstanden ist, um endlich gen Himmel zu fahren, von wo aus er abschließend den Heiligen Geist auf die Erde ausgoß, ist ein mehr oder minder ernsthaftes Fürwahrhalten alter Überlieferungen, so wie für wahr gehalten wird, dass die Saurier wegen des Einschlags eines Asteroiden ausgestorben sind oder, dass die Wikinger Amerika schon lange vor Kolumbus entdeckten.

Hier endet für den Großteil der Christen der Glaube. Ein kleinerer Teil davon, ergänzt diesen Erinnerungsglauben um die gläubige Überzeugug, dass es nach dem Tode eines jeden Menschen in einer anderen Sphäre weitergeht, und dass das Wohlergehen dort vom Wohlverhalten während des Lebens auf Erden abhängig ist.

Beim Großteil dieser Gläubigen entwickelt sich daraus eine egoistisch-opportunistische Grundhaltung, welche durch das Einhalten einzelner Gebote (zumeist nur: nicht töten) die Selbsteinschätzung "Im Grunde bin ich doch ein guter Mensch" hervorbringt. Wobei die Möglichkeit, sich im Bedarfsfall "Sünden" vergeben zu lassen, zum seelischen Wohlbefinden beiträgt, was ja gar nicht schlecht ist.

Unter den Angehörigen christlicher Ordensgemeinschaften und christlicher Sekten sind wohl auch noch Menschen zu finden, denen es ein Bedürfnis ist, ihr Leben ganz nach den Glaubenslehren auszurichten. Wir erleben sie als wunderliche Gestalten und kommentieren dies zumeist mit der Floskel: "Man kann's aber auch übertreiben".

Solche Menschen ziehen uns gewöhnlich nicht an. Im Gegenteil, man hält sich eher von ihnen fern, schon um nicht in Verdacht zu geraten, auch so ein Spinner zu sein, aber auch, um sich bloß nicht infizieren zu lassen und dann vielleicht nie mehr von einer solchen Vereinigung loszukommen.

Der handelsübliche Normchrist flieht vor jeder Form tieferer Religiosität, weil er fürchtet, seine Handlungsspielräume könnten durch Annäherung einengt werden.

Durchdrungen zu sein, vom Heiligen Geist, sich von ihm lenken und leiten zu lassen, gehört also nicht zum Standardwunschdenken der real existierenden Christen, vermutlich wird eine Vielzahl der Getauften noch nicht einmal auf die Idee kommen, unter Umständen einen solchen Wunsch haben zu wollen.

Da ist der dringende Wunsch nach dem neuesten Smartphone sehr viel präsenter.

Warum ist das so?

Das Handy mit allen verfügbaren Apps ersetzt und übertrifft spielend alle überlieferten Wunder der biblischen Geschichte. Es verleiht beinahe die göttliche Eigenschaft der Allgegenwart und des Allwissens. Nur mit der Allmacht hapert es noch.

Die Menschen sind neugierig und wollen an allem Neuen, Interessanten teilhaben. Apostel, die in Zungen reden, verursachten vor 2.000 Jahren vermutlich einen echten Hype und verschafften der entstehenden Christengemeinde erheblichen Zulauf. Viele wollten ebenfalls über diese Fähigkeiten verfügen, ließen sich deshalb taufen, sich die Sünden vergeben, den Geist spenden und lebten in brüderlicher Gemeinschaft nach den Geboten, immer in der Erwartung, neue Wunder zu erleben oder sogar selbst Wunder vollbringen zu können, wovon jedoch nur wenig berichtet worden ist.

Auch die von den Römern mit großer Brutalität betriebene Christenverfolgung konnte diese Gemeinschaft nicht auflösen, im Gegenteil, auch hier brachten die spektakulären Berichte vom aufrechten Sterben der Märtyrer eher neue Anhänger hervor.

Der Mensch bewegt sich immer dahin, wo "Wunder" geschehen oder überzeugend versprochen werden. Der Mensch bewegt sich immer dahin, wo sich "Fortschritt" zeigt oder versprochen wird. Der Mensch neigt dazu, jenen nachzufolgen, die es verstehen, überzeugend Großes, ja Unmögliches zu versprechen.

Doch irgendwann muss auch geliefert werden.

Die großen christlichen Religionsgemeinschaften liefern schon lange nicht mehr.

Dennoch konnte ihr Zusammenhalt dadurch erzwungen werden, dass Staat und Religion sich vielerorts verbündeten, dass der Knecht die Religion des Herrn, der Herr die Religion des Fürsten anzunehmen hatte, dass Kaiser sich vom Papst krönen ließen und das Zurschaustellen von Frömmigkeit zur Staatsräson gehörte.

Auch die Drohung mit dem Verlust des Seelenheils, mit der gnadenlosen Aburteilung beim Jüngsten Gericht, half mit, das Volk bei der Stange zu halten, im Hoffen und Bangen darauf, dass sich die Verheißung vom Ende der Welt und vom Wiederkommen des Heilands erfüllen werde.

Doch die Lieferung steht aus.

Glaubten die Jünger einst noch an wenige Jahre, als handle es sich um den Fertigstellungstermin eines Flughafens, ist die Zuversicht, dass da bald etwas geschehen könnte der Einsicht gewichen, dass "DAS" vermutlich erst kommt, wenn wir alle längst gestorben sind, eine Prophezeihung für eine ferne Endzeit...

Deswegen hat sich die Erinnerung an Christi Geburt zum Jahrshauptfest des Einzelhandelsumsatzes entwickeln können, deswegen sind Ostern und Pfingsten nur noch kalendarische Hinweise auf verlängerte Wochenenden im Frühling, für die beizeiten entsprechende Freizeitaktivitäten eingeplant werden müssen.

 

Ganz ähnlich sieht es in der Politik aus.

Die großen Volksparteien liefern auch nicht mehr.

Deshalb verbrauchen sich Politiker in ihren Amtsperioden. Was sie zu Beginn versprechen, können sie nicht halten, und irgendwann gehen ihnen die Ideen für neue verrückte Versprechungen aus. Dann muss ein neues Gesicht her. Ein neuer Heilsbringer, der die Massen mit seinen Versprechungen anziehen kann. Hierin gleichen sich Trump, Schulz und Macron aufs Haar.

Doch so, wie mit den ausbleibenden "Lieferungen" nicht nur die christlichen Würdenträger in die Kritik geraten, sondern der christliche Gedanke insgesamt darniederliegt, führt das Verhalten der Politiker, auf deren vollmundige Versprechungen stets nur Enttäuschungen folgen, auch dazu, dass die Idee "Demokratie" an Zugkraft verliert. Der Wunsch, endlich wieder in die richtige Richtung geführt zu werden und am Ziel der Verheißung anzukommen, schließt selbst den Diktator nicht mehr aus, wenn er nur glaubhaft erklärt, er werde liefern, wenn man ihn nur lasse. Vom Bosporus grüßt Erdogan.

Die Demokratie, die sich in der westlichen Welt nach dem zweiten Weltkrieg als Hoffnungsglaube etablierte, weil sie als Patentmittel gegen Krieg und Bürgerkrieg, gegen Krankheit, Armut und Verbrechen helfen sollte, die Demokratie, von der man glaubte, sie würde Unrecht und Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen und Wohlstand und angemessene Teilhabe für alle hervorbringen, erweist sich als Wechselbalg.

Niemand glaubt mehr ernsthaft daran, dass sich durch Wahlen etwas ändern würde. Niemand erwartet noch, dass vollmundigen Wahlversprechen nach der Wahl die Einlösung folgen wird. Im Gegenteil: Niemand ist mehr überrascht, wenn die Gewählten sich tagein-tagaus damit beschäftigen, Politik gegen die Wähler zu gestalten. Es ist wie mit Nikolaus, Christkind, Osterhase und Klapperstorch. Die Demokratie wird den Unmündigen als Kindermärchen eingeflüstert - und die Wahrheit wird unter der Decke gehalten. Warum sonst sind "Whistleblower" überall die Staatsfeinde Nr. 1 ?

In diesem unserem Lande wird wieder wahlgekämpft.

Um Themen ist den Wahlkämpfern nicht bange. Es genügt, die Medien im Rücken zu wissen, um jede Maus als bedrohlichen Kriegselefanten, jeden Pflasterstein als leicht erreichbaren Goldklumpen erscheinen zu lassen. Sie wissen, dass nicht der Gehalt des Programms von Bedeutung ist, sondern lediglich die Art und Weise, wie es zur Heilslehre hochstilisiert und mit möglichst großem Spektakel verkündet wird.

Ob die einzige Möglichkeit der Abwehr drohenden Unheils versprochen oder das Anbrechen glückseliger Zeiten angekündigt wird, ist dabei nebensächlich.

Wir könnten daher das Pfingstfest durchaus zum Anlass nehmen, uns zu fragen, ob es auch dann richtig ist, dem scheinbar Neuen und Spektakulären erst unsere Aufmerksamkeit und dann unser Vertrauen zu schenken, wenn die Erfahrung uns lehrt, dass eben längst nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass Aussagen im Wahlkampf mit der zu erwartenden Politik nur wenig zu tun haben.

Denn eine wichtige Erfahrung können wir aus dem Niedergang des Christentums ableiten, das ja zugleich eine Emanzipation der Gläubigen von der Amtskirche mit sich gebracht hat, nämlich:

Die angedrohte Strafe
folgt nicht auf dem Fuß.

Mögen die Union, die SPD, Grüne, Linke, die FPD und AfD sich gegenseitig noch so anfeinden - es handelt sich dabei um Wahlkampf - und Wahlkampf hat zum Ziel, den Wähler mit lauteren und unlauteren Mitteln auf die Seite der eigenen Partei zu ziehen. Wahlkampf ist ein Kampf gegen Herz und Verstand der Wähler!

Durch die Verteufelung des politischen Gegners soll es dem potentiellen Wähler erschwert, bis unmöglich gemacht werden, sich wirklich umfassend über alle Parteien zu informieren.

Dabei genügt es meist schon, die eigene peinliche Unvollkommenheit dadurch zur strahlenden Gloriole werden zu lassen, dass man den Gegner nur schlecht genug macht, um sich so von ihm abzuheben.

Wenn Demokratie aber nicht sang- und klanglos im Polit-Museum in Brüssel verschwinden soll, dann müssen wir Wähler jede Wahlkampfaussage in Zweifel ziehen, müssen auch die anderen anhören, müssen unseren eigenen Verstand fragen, und am Ende ein Kreuz dort machen, wo die als glaubhaft angenommenen Ziele einer Partei mit unseren eigenen Vorstellungen am weitesten übereinstimmen.

Das ist nicht einfach. Wer heute noch die Demokratie hochhält und ihr neues Leben einhauchen will, erinnert stark an jene Mönche, Eremiten und Sektierer, die versuchen, dem christlichen Glauben neues Leben einzuhauchen.

Von denen hält man sich besser fern, schon um nicht in Verdacht zu geraten, auch so ein Spinner zu sein, aber auch, um sich bloß nicht infizieren zu lassen und dann vielleicht nie mehr von einer solchen Vereinigung loszukommen.

Der handelsübliche Normdemokrat flieht vor jeder Form tieferen politischen Engagements, weil er fürchtet, doch nichts bewirken zu können.

Was könnten rund 60 Millionen Wahlberechtigte nicht alles bewirken, wenn sie im Erleben der so genannten Demokratie nicht zielstrebig davon überzeugt worden wären, doch nichts bewirken zu können.

In diesem Sinne

schöne Feiertage

Egon W. Kreutzer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

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Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

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 Anker Julie