Paukenschlag
am Donnerstag
No. 2 /2017
vom 26. Januar 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Lügenmärchen für Kinder, Enkel und die zukünftigen Generationen

Dieser Text gehört - nach meiner Meinung - zu den schönsten Paukenschlägen, die ich je geschrieben habe.

Er wurde am 17. Mai 2007, also vor fast genau zehn Jahren zum ersten Mal veröffentlicht - und schon damals kam eine Frau Bundeskanzlerin drin vor, die ganz toll gut über ihr Land regierte.

Mein Gott! Und sie tut es immer noch!

Statt einen neuen Paukenschlag zu verfassen, habe ich heute einen längeren Aufenthalt beim Zahnarzt eingeplant. Erfreuen Sie sich derweil an diesem immer noch nicht zu Ende erzählten Lügenmärchen.

 

Liebe Kinder in den Gymnasien und Lehrwerkstätten,
liebe Enkelinnen und Enkel in den Krippen und Vorschulen, hört gut zu!

Liebe Ungeborene in den Gebärmüttern, liebe Ungezeugte,
die ihr berufen seid, als zukünftige Generationen das Land zu bevölkern, spitzt eure Ohren!

Zum heutigen Feiertag will ich euch ein Märchen erzählen.

Das Märchen von denen,
die sich aufmachten, das Schlaraffenland zu erschaffen.

 

Es war einmal eine Frau Bundeskanzlerin,
die regierte ganz toll gut über ihr Land.

Zur gleichen Zeit gab es dazu noch 16 Herren Ministerpräsidenten, von denen ein jeder extra über ein Teil des Landes der Frau Bundeskanzlerin regierte, und alle 16 und die Frau Bundeskanzlerin waren sich wohlgesonnen, vor allem aber waren sie alle miteinander dem Volke wohlgesonnen.

Aber nicht, wie man annehmen könnte, dem Volke, das sie gewählt hatte, waren sie wohlgesonnen, oh nein! Diesem Volk verordneten sie Reformen und tiefe Einschnitte, Online-Durchsuchungen und Vorbeugehaft, Sparmaßnahmen und Kürzungen, dass so mancher brave Mann am Abend nicht mehr wusste: "Steh' ich noch, oder gestehe ich schon?" und auch nicht, wovon er Frau und Kinder am nächsten Tag ernähren sollte.

Das Volk, das sie (indirekt) gewählt hatte, das hatten die Herren Ministerpräsidenten und die Frau Bundeskanzlerin vollkommen aus den Augen verloren, denn ihre Liebe galt einem Volk, das nur in ihrer Fantasie existierte. Ihr Wohlwollen richtete sich auf das Volk der zukünftigen Generationen, auf die Kinder und Enkel, auf die Ungeborenen und die Ungezeugten. Denen wollten sie mit ihrer klugen und vorausschauenden und gegenwartsfernen Politik das Schlaraffenland bereiten.

Die Frau Bundeskanzlerin und die 16 Herren Ministerpräsidenten waren nämlich zutiefst überzeugt davon, dass es das Schlaraffenland längst geben könnte, hätten sich ihre Vorgängerinnen und Vorgänger nicht frevelhaft versündigt. Dass den 82 Millionen Bürgern im Lande der Frau Bundeskanzlerin die gebratenen Täubchen nicht jederzeit direkt in den Mund flogen, dass in den Bächen trübes Wasser floss, statt klarem Wein, das hätten ihnen ihre Vorgänger eingebrockt. Die hätten schließlich die Schuldenberge aufgetürmt, die so hoch geworden waren, dass der Frau Bundeskanzlerin, und den 16 Herren Ministerpräsidenten überhaupt kein finanzieller Spielraum für vernünftige Politik mehr blieb, weil sie von den Steuergeldern viel zu viel für Zinsen ausgeben mussten.

An dieser Stelle muss ich euch daran erinnern, dass es ein Lügenmärchen ist, was ich euch da erzähle.

Ein wahrheitsliebender Mensch würde nie behaupten, dass die Damen und Herren Vorgängerinnen und Vorgänger der Frau Bundeskanzlerin und der Herren Ministerpräsidenten jemals angefangen hätten, Schulden zu machen, wenn sie doch ohne Schulden das Schlaraffenland gehabt haben müssen!

Aber wie es im Märchen so ist, es gibt da geheimnisvolle Sondereinflüsse: Böse Feen, grasgrüne gemeine Steinfresser, steinreiche, böse Zauberer und gutgläubige kleine Sterntalermädchen, das alles muss man einfach kindlich-fest glauben, sonst geht das Märchen nicht weiter. Und nun zurück, zum märchenhaften Lügenmärchen!

 

Es gab damals auch den "Bund der Steuerzahler".

Das waren lauter Leute, die am liebsten gar kein Geld in die Kassen der Frau Bundeskanzlerin und der Herren Ministerpräsidenten gezahlt hätten, aber, weil sie glaubten, sie ganz alleine würden dem Staat die Kassen füllen, glaubten sie auch, sie könnten dem Staat Vorschriften machen, wie er mit ihrem Geld umzugehen habe. Ganz besonders wollten sie erreichen, dass der Staat aufhört, Schulden zu machen, denn dann, so glaubten sie, würde ihre Schuldenuhr mit einem lautem Knall zerbersten und das Schlaraffenland ausbrechen.

Wie um die Frau Bundeskanzlerin und die Herren Ministerpräsidenten zu verhöhnen, hatten sie nämlich eine große Uhr aufgestellt, die in jeder Sekunde anzeigte, um wie viel die Schulden in dieser Sekunde schon wieder gestiegen waren, und wie hoch sie überhaupt waren, und wie hoch sie werden würden, wenn der Schuldrian so weiter ginge.

Das betrübte die Herren Ministerpräsidenten und die Frau Bundeskanzlerin so sehr, dass sie beschlossen, dem Bund der Steuerzahler zu Willen zu sein. Von da an richteten sie ihr ganzes Sinnen und Trachten darauf aus, bloß keine neuen Schulden mehr zu machen, sondern stattdessen die alten Schulden zu tilgen, bis auf den letzten Heller.

 

Leider muss ich euch an dieser Stelle schon wieder daran erinnern, dass es ein Lügenmärchen ist, was ich hier erzähle. In einer wahren Geschichte würde kein Mensch begreifen wollen, dass ausgerechnet die Steuerzahler darauf drängen, dass der Staat keine Schulden macht.
Aber es ist ein Märchen und in Märchen kommen geheimnisvolle Wesen vor. Verhexte Experten, Ratgeber, die im Dornröschenschlaf liegen und trotzdem sprechen, und strahlende Prinzen, die mit lautem Plopp zu glitschigen Fröschen werden, wenn die Spekulationsblasen platzen.
Da muss man sich nicht wundern, wenn die Steuerzahler eines solchen Lügenmärchens gar nicht auf die Idee kommen, dass sie selbst als erste das Geld aufbringen müssten, wenn es sich die Frau Bundeskanzlerin und die Herren Ministerpräsidenten nicht von denen borgen würden, die genug davon übrig haben.
Aber, wie bereits mehrfach erklärt: Wenn das Märchen weitergehen soll, müssen wir müssen das alles erst einmal glauben. Und so geht es weiter:

 

Als die Herren aus der Wirtschaft sahen,

wie die Frau Bundeskanzlerin und die Herren Ministerpräsidenten zu sparen begannen, erklärten sie lauthals, dass das absolut der richtige Weg sei. Aber, wandten sie listig ein, nachdem die Frau Bundeskanzlerin und die Herren Ministerpräsidenten nun endlich erkannt hätten, dass man das Schlaraffenland herbeisparen muss, müssten sie nun aber auch erkennen, dass der Staat alleine damit überfordert sei. Und damit sie, die Unternehmer und ihre Kapitalgeber mithelfen könnten, den Ausbruch des Schlaraffenlandes zu beschleunigen, wollten sie ihren Teil dazu beitragen und auch selbst fleißig sparen. Sie könnten noch ganz ordentlich bei den Löhnen sparen und bei den Lohnnebenkosten und bei allen Sozialleistungen, auch den Kündigungsschutz und die Mitbestimmung und die Unfallverhütungsvorschriften und den Umweltschutz und noch vieles mehr könnten sie sich sehr gut sehr viel sparsamer vorstellen, vor allem aber wollten sie mit Freuden auch bei den Steuern sparen, um die Regierung bei ihren Anstrengungen zum Wohl der zukünftigen Generationen zu unterstützen, und deswegen sei es das Beste, schleunigst eine große Unternehmenssteuerreform zu beschließen.

Der Frau Bundeskanzlerin und ihren Herren Ministerpräsidenten gingen die Augen auf. Ja! Das war die Lösung. Wenn Staat und Wirtschaft gemeinsam sparen, ist die Wirkung doch viel größer. Das Schlaraffenland kommt schneller, und wenn dann erst die gezuckerten Wählerstimmen auf den Sträuchern wachsen, und man nur zugreifen braucht, um noch viele, viele Amtszeiten in Pracht und Glanz und Überfluss regieren zu dürfen, da werden sich alle Demokraten freuen, über so ein schönes Schlaraffenland.

 

Es tut mir leid. Ihr müsst das glauben, sonst kann ich nicht weitererzählen.
Denkt daran: Es ist ein Lügenmärchen.

Eine richtige Frau Bundeskanzlerin
und richtige Herren Ministerpräsidenten,

die wüssten schon, dass sie von erlassenen Steuern weder Zinsen noch Tilgung zahlen können. Wenn richtige Herren Ministerpräsidenten und eine richtige Frau Bundeskanzlerin die Steuern für die Reichen und die Unternehmer senken und eine extra niedrige Einkommensteuer für Zinsempfänger beschließen, dann vergessen sie nicht, gleichzeitig auch eine satte Mehrwertsteuererhöhung zu beschließen und Pendlerpauschalen, Eigenheimzulagen und was der Subventionen mehr sind, zu streichen, damit ihnen das Geld nicht ausgeht. Aber wir sind hier im Märchen, und das kann nicht so weitergehen, wenn es immerzu an der Realität gemessen wird.


Und wie es in Märchen so ist - ‚Es war einmal - und wenn sie nicht gestorben sind', so ging es auch in diesem Märchen zu.

Die Frau Bundeskanzlerin
und ihre 16 Herren Ministerpräsidenten sparten und sparten,


der Bund der Steuerzahler ließ seine Schuldenuhr ticken und ticken, die Wirtschaft verlangte nach Entlastungen und Steuersenkungen und Entlastungen und neuen Steuersenkungen. Zugleich wurde den schon geborenen zukünftigen Generationen in allen Kindergärten und Schulen erklärt, dass zwar kein Geld da sei, für Spielsachen und Lehrmittel, dass auch kein Geld da sei, für Kindergärtnerinnen und Lehrer, schon gar nicht dafür, halb verfallene Schulen und Kindergärten zu reparieren, aber schließlich müsse dies alles so sein, damit das Schlaraffenland kommen könne - und in bayrischen Kindergärten und Schulen wurde manchmal gesagt, es käme nicht nur das Schlaraffenland, sondern gleich das Paradies, denn schließlich sei man hier schon immer christlich und glaube christlich an das katholische Paradies und nicht das reformierte Gesülze vom Schlaraffenland.

 

Im Lande der Frau Bundeskanzlerin und der 16 Herren Ministerpräsidenten lebte zu dieser Zeit aber auch ein kleines Mädchen.

Das war erst sieben Jahre alt, aber schon so klug wie drei Professoren und fünf Experten zusammen, obwohl es von bildungsfernen Eltern gezeugt und in relativer Armut bis zu seinem siebten Geburtstag erzogen worden war. Sie waren so arm, dass bei ihnen nie die Bildungszeitung mit den großen Buchstaben auf dem Tisch lag, ja sie konnten sich noch nicht einmal die Gebühren für den Fernseher leisten. Zur Unterhaltung hatten sie nur ein schon völlig abgewetztes ‚Mensch-ärgere-Dich-nicht' und eine ganze Wand mit wackligen Regalen, voll mit alten Büchern. Aus einigen davon haben die Eltern dem kleinen Mädchen abends Geschichten vorgelesen.

Nun blieb es nicht aus, dass das kleine, sehr kluge Mädchen, als es eingeschult worden war, auch vom baldigen Kommen des Schlaraffenlandes hörte. Einen Platz im Kindergarten - wo sie es schon mit drei Jahren erfahren und wie alle anderen Dreijährigen dann auch einfach geglaubt hätte - hatten sich die Eltern, trotz Rechtsanspruch nicht leisten können. Ein Rechtsanspruch auf einen Platz ist nämlich nichts wert, solange der Kindergartenträger einen Rechtsanspruch auf die Bezahlung saftiger Gebühren hat, was aber zwei grundverschiedene Dinge sind, die man, weiß Gott, nicht miteinander vermengen darf.

Dem klugen kleinen Mädchen ging die Sache nicht mehr aus dem Kopf.

"Man muss nur Schulden tilgen, und wenn man dann keine mehr hat, dann bricht das Schlaraffenland aus. Dann werden auf allen Schulhöfen jeden Tag so lange kostenlos weiche Semmeln mit Fleischklopsen und Tomatensoße drin, knusprige Kartoffelstangen und braune Brause verteilt, bis kein Kind auch nur noch einen Bissen hineinbekommt."

So stellte sie sich das Schlaraffenland vor, denn ihre Eltern hatten ihr noch nie einen Hamburger mit Pommes, und schon gar keine Cola gekauft, weil das Geld dafür einfach nicht reichte, und, so sagten sie, weil das auch gar nicht gesund sei.

Eines Tages, als es gerade aus der Schule nach Hause gekommen war, wo die Lehrerin wieder einmal, in kindgerechter Sprache versteht sich, davon geschwärmt hatte, dass die forcierte Politik der Haushaltskonsolidierung über kurz oder lang auf direktem Weg ins Schlaraffenland führen wird, fragte das kleine Mädchen seine Mutter:

"Du, Mutti, warum haben wir eigentlich so viele Schulden?"
"Wer? Wir?", fragte die Mutter überrascht zurück.
"Na du, und Papa, und ich vielleicht auch. Unsere Familie. Warum haben wir so viele Schulden?"

"Wir haben doch gar keine Schulden, wie kommst du denn darauf?"
Die Mutter des kleinen Mädchens war jetzt nicht mehr nur überrascht, sie war sogar ärgerlich und fragte sich, wer ihrem Kind solche Lügen erzählt haben könnte.

"Weil bei uns das Schlaraffenland noch nicht ausgebrochen ist!"

Die Mutter brach in ein schallendes Gelächter aus.

"Das Schlaraffenland", lachte sie, "das Schlaraffenland - noch nicht ausgebrochen! Ja was hast du denn da für einen Unsinn aufgeschnappt. Das Schlaraffenland ist doch ein einziges Lügenmärchen."

"Aber wir lernen das in der Schule. Wenn alle Schulden bezahlt sind, bricht ...."

Eine gute Fee, die gerade vorüberschwebte, hatte die Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter mit angehört. Um jede weitere Eskalation zu verhindern, legte sie dem klugen kleinen Mädchen ihre federleichte und sammetweiche Feenhand auf den Mund, dass dem Mädchen ganz anders wurde und es gar nicht mehr wusste, was es eigentlich sagen wollte. Die Fee aber beschloss, dem Kind einen Wunsch zu erfüllen und sie beschloss auch zugleich, welcher Wunsch das sein sollte, und deshalb sagte das kleine Mädchen, als die Fee die Hand wieder zurückgezogen hatte:

 

"Ach was. Ich gehe nach Berlin und frage die Frau Bundeskanzlerin. Die wird es wohl wissen."

Und im guten Gefühl, ein Teil jener zukünftigen Generationen zu sein, für die sich die Frau Bundeskanzlerin schon heute mit aller Kraft einsetzt, um ihnen das Schlaraffenland zu bereiten, ging sie an die kleine Schublade, in der sie ihre Schulsachen und ihre Spielsachen und ihre Sparbüchse aufbewahrte, nahm einen kleinen Hammer, zerschlug ihre kleine Sparbüchse, nahm die kleine 1-Euro-Münze heraus, für die ihr Vater eine ganze Stunde hatte arbeiten müssen, und machte sich auf, nach Berlin.

Fragt mich nicht, wie sie es geschafft hat. Ich erzähle hier schließlich ein Lügenmärchen, aber damit das Märchen weitergeht, muss sie es schließlich irgendwie geschafft haben, oder?

 

Eines Tages stand sie tatsächlich vor der Frau Bundeskanzlerin,

räusperte sich, und sagte:

"Liebe Frau Bundeskanzlerin, die Leute haben dich gewählt, weil du die klügste und beste Frau im ganzen Land, ja sogar in ganz Europa bist. Da wirst du mir ja wahrscheinlich eine Frage beantworten können, auf die ich bis heute noch keine vernünftige Antwort bekommen habe."

"Nur zu!", sagte die Bundeskanzlerin jovial, "was willst du denn wissen?"

"Och", sagte das Mädchen, "nichts Besonderes. Ich will eigentlich nur wissen, wann es endlich da sein wird, das Schlaraffenland für die zukünftigen Generationen, an dem du so eifrig arbeitest."

"Das ist eine sehr kluge Frage", antwortete die Frau Bundeskanzlerin, "und du wirst verstehen, dass ich mich da nicht heute schon auf einen Termin festlegen kann, aber ich habe immer gesagt, wenn wir es schaffen, die Staatsverschuldung nennenswert zurückzuführen, dann wird es den zukünftigen Generationen einmal besser gehen."

"Und", fragte das kleine Mädchen, "wann schafft ihr es?"

"Herr Steinbrück, das ist unser Finanzminister, aber das weißt du ja sicher", begann die Frau Bundeskanzlerin ganz nach guter alter Bundeskanzlerinnenart auszuholen, "ist schon auf dem besten Wege dahin. Wir machen jedes Jahr weniger Schulden und im nächsten Jahr noch weniger. Bald sind wir soweit, dass wir gar keine Schulden mehr machen müssen, und mit ein bisschen Glück schaffen wir es dann vielleicht sogar, nicht nur keine neuen Schulden machen zu müssen, sondern alte Schulden abbezahlen zu können. Und das, meine Kind, das ist dann schon ein großer Schritt in die richtige Richtung."

"Dann bin ich aber schon mindestens zehn", meinte das kluge, kleine, siebenjährige Mädchen und machte ein sehr enttäuschtes Gesicht. "Warum kann man die Schulden denn nicht schneller zurückzahlen? Warum nicht gleich heute?"

"Weißt du", sagte die Frau Bundeskanzlerin da sehr verständnisvoll, wenn auch schon ein bisschen abwehrend, "meine Vorgänger haben sehr viele Schulden gemacht. So viel Geld hat die Bundesrepublik gar nicht, dass wir die auf einmal zurückzahlen könnten. Da werden noch viele Jahre vergehen, und wir werden noch sehr sparsam sein müssen, bis das Geld nach und nach hereinkommt."

"Ach so", sagte darauf das kleine Mädchen, "das hätte ich mir eigentlich denken können. Das Geld kommt also nur langsam herein. -- Ich würde einfach die Steuern erhöhen, damit es schneller hereinkommt. Kannst du das nicht auch?"

"Doch, doch", beruhigte die Frau Bundeskanzlerin das Kind, "das versuchen wir schon, aber es ist nicht so einfach. Wenn ich die Steuern für diejenigen Leute erhöhe, die genügend Geld hätten, um die Steuern bezahlen zu können, dann warten die doch nicht darauf, dass hier das Schlaraffenland ausbricht! Dann gehen die einfach mitsamt ihrem Geld davon, ins Steuerzahlerparadis, und bleiben dort. Von denen kommt bei uns dann gar nichts mehr herein. Und die anderen Leute haben ja auch nicht so viel Geld übrig, dass sie davon noch mehr Steuern zahlen können. Im Gegenteil: Weil wir, um weniger Schulden machen zu müssen und tilgen zu können, unsere Ausgaben beschneiden, kommt ja sowieso schon immer weniger Geld bei den Leuten an. Jetzt müssen wir sogar schon die Unternehmenssteuern senken, damit die Unternehmen überhaupt noch Löhne zahlen, damit die Arbeiter sich vom Lohn etwas kaufen können, damit wir wenigstens noch die Mehrwertsteuer einnehmen."

Die Bundeskanzlerin holte tief Luft, beugte sich nieder zu dem Kind und sagte mit beschwörendem Flüstern: "Ein bisschen Geduld musst du schon noch haben, Kind!"

Aber das Kind ließ sich davon nicht beeindrucken.

"Verstehe ich das richtig", fragte das kluge Kind nach, "das Geld, das du sparst und tilgst, das fehlt den Leuten?"

"Ja. Natürlich fehlt das den Leuten. Das ist ganz richtig so. Was wir für die zukünftigen Generationen sparen, das kann und darf die gegenwärtige Generation doch nicht verfrühstücken. Darum geht's doch! Um nachhaltige Zukunftssicherung, so wie ich und Herr Pofalla es schon immer gesagt haben."

Das Mädchen kicherte, wie kleine Mädchen so kichern, als die Kanzlerin ‚Pofalla' sagte, weil sie sich dabei einen dicken Mann vorstellte, der rückwärts auf den Hintern fällt. Aber die Frau Bundeskanzlerin bemerkte das glücklicherweise gar nicht, denn die Frau Bundeskanzlerin war damit beschäftigt, besorgt auf die Uhr zu schauen. Der Zeitplan einer Kanzlerin ist eng, vor allem dann, wenn sie keine Lust mehr hat, nach glaubhaften Antworten auf einfache Fragen zu suchen.

"Ist deine Frage damit beantwortet? Ich muss weiter."

"Ja", meinte das Mädchen, "ich glaube, ich habe verstanden, wie das mit den zukünftigen Generationen laufen soll. Du nimmst den gegenwärtigen Generationen das Geld weg und legst es auf ein Sparbuch. Und wenn die zukünftigen Generationen alt genug geworden sind, dann finden sie das Sparbuch und können davon soviel abheben, wie man für ein ordentliches Schlaraffenland braucht."

Die Frau Bundeskanzlerin verlor zuerst den Faden, dann die Nerven und schließlich die Geduld.

"So ein Quatsch!", fauchte sie das kleine, kluge Mädchen an.
"Wenn ich sage, ich tilge, dann tilge ich! Und tilgen heißt, dass die das Geld zurückbekommen, die es vorher verliehen haben, nichts anderes. Ich erzähle doch keine Lügenmärchen! Und so ein Sparbuch gibt es auch nicht. Das Geld geht alles zurück an die Gläubiger. Alles!"

Richtig laut war sie geworden, die Frau Bundeskanzlerin, so dass das kleine kluge Mädchen Angst hatte, der Frau Bundeskanzlerin könnten die Knöpfe von der Kostümjacke wegfliegen, so tief hatte sie Luft holen müssen, um so laut werden zu können. Deshalb wartete das Mädchen vorsichtshalber einen kleinen Augenblick, bevor es ganz zerknirscht, aber immer noch hoffnungsfroh nachhakte:

"Und die Gläubiger, die schenken es dann den zukünftigen Generationen?"

Schon wieder holte die Frau Bundeskanzler beängstigend tief Luft und schlug dann mit schneidender Stimme, Silbe für Silbe tiefe Kerben in die Luft.

"Kind, bist du naiv! Wer wird denn so blöd sein und soviel Geld an die zukünftigen Generationen verschenken?"

Der neuerliche Ausbruch war nicht als Frage gemeint, allenfalls als abschließende "rhetorische". Weshalb das kluge kleine Mädchen auch nicht darauf antwortete, sondern -von einer plötzlichen Erleuchtung getroffen - entgegnete

"Dann müssen sich die zukünftigen Generationen das Geld also auch wieder borgen!?"

 

Was die Frau Bundeskanzlerin im eiligen Weggehen sagte, ist nicht vollständig überliefert.


Zuerst soll sie laut, "Ja! Was denn sonst?!", gesagt haben, dann aber auch gleich wieder: "Nein, das ist ja Quatsch!", und dann, "Na ja! - Mein Gott! - Also nee! - Aber doch! Und wenn, dann aber doch nicht so", und ganz zum Schluss, "Ach was!"

Als sie dann in der gepanzerten Limousine saß, und wieder ein bisschen ruhig geworden war, hat sie dem kleinen, klugen Mädchen im Wegfahren noch nachgerufen: "Kind, Kind! Du bist ja eine ganz Durchtriebene.., aus dir kann noch mal was werden!"

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sparen und tilgen, tilgen und sparen sie noch heute. Die Frau Bundeskanzlerin und ihr Finanzminister und die Herren Ministerpräsidenten und deren Finanzminister, bis das ganze Geld weg ist.

Und dann?

Dann borgen sie sich Neues und sparen und tilgen weiter.

Ach so, eines noch, liebe Kinder und Enkel, liebe Ungeborene und Ungezeugte,

fürchtet euch nicht vor dem Schlaraffenland, nicht vor Völlerei und Übergewicht. Da besteht überhaupt keine Gefahr. Es gibt nämlich längst nicht genug Geld, um alle Schulden zu tilgen.

Weshalb auch dann noch Zinsen fällig werden,
wenn alles Geld "vertilgt" ist.


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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

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 Anker Julie