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31. Dezember 2016

11.11 Uhr Neues aus Zerrbildhausen

Da, wo sich im Märkischen Sand Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wo sich die Knüppeldämme von Halbe nach Kremmen und von Treuenbrietzen nach Wandlitz kreuzen, liegt der beschauliche Weiler Zerrbildhausen inmitten eines waldreichen Naturschutzgebietes. Die Bürgermeisterin wohnt in einer Waschmaschine, bayerischen Gästen kredenzt man im Dorfkrug kross gebratenes Elfenbein mit Kraut und Knödeln, während die Tasten des mechanischen Pianos aus feinsten Schweinshaxen geschnitzt sind.

Nur selten verirrt sich aber jemand nach Zerrbildhausen, so dass die Zerrbildhausener es aufgegeben haben, Ausschau zu halten, auch nicht mehr fröhlich singen: "Horch, was kommt von draußen rein!", sondern vertieft in ihre zerfledderten Poesiealben in einer Art Trance versunken ein Leben leben, das auch in Zerrbildhausen längst vergangen wäre, würden die Zerrbildhauser die Gegenwart denn in ihre Stübchen hineinlassen.

An Silvester 2016 war ich dort kurz zu Besuch. Ich traf die Bürgermeisterin, die immer wieder jenes liebreizende Gedicht wiederholte, das in ihrem Poesiealbum gerdade aufgeschlagen war:

Ich bin klein,
mein Herz ist rein,
soll ewiglich drin,
soziale Marktwirtschaft sein.

Ich brachte ihr ein sorgenvolles Stirnrunzlen dar, das sie zu erwidern versuchte, was aber misslang. Stattdessen sanken ihre Mundwinkel noch ein ganzes Stück tiefer, was aber in Zerrbildhausen seit jeher ein Zeichen angestrengter Missbilligung ist, so dass ich mich gemüßigt sah, versöhnlichere Töne anzuschlagen.

"Liebe, wertgeschätzte Bürgermeisterin, begann ich achtsam, was also ist dann mit eurer Zuversicht, die stets ein strahlend wärmendes Licht über ganz Zerrbildhausen geworfen hat?"

"Gerade hier, inmitten meines Reiches!", antwortete sie. "Die Zuversicht, die verspüren wir in dem Trost, den wir uns gegenseitig spenden. Ohne die widerwärtigen Terroranschläge - und das ist eben die Weisheit der Dialektik - bedürften wir keines Trostes und könnten somit auch keine Zuversicht verspüren. Es ist doch so, mein Lieber, und dabei sah sie mich mit ihren kleinen funkelnden Äuglein listig an, dass unsere Zuversicht direkt aus dem Terror gespeist wird. Wir können gar nicht genug davon kriegen, von dieser Zuversicht!"

Jetzt war es an mir, entgeistert dreinzuschauen. Ich fragte, noch ganz benommen von dieser Weisheit: "Ja, und wie wirkt sich diese Zuversicht dann konkret aus?"

"Das ist doch ganz einfach und schlüssig. Wir gehen weiter unserer Arbeit nach und tun so, als sei nichts geschehen. Wären wir Straußenvögel, könnten wir auch unseren Kopf in den Sand stecken, doch die Köpfe der Strauße sind dafür einfach sehr viel besser geeignet als unsere doch eher sperrigen Schädel."

Sie schien mich schon gar nicht mehr wahrzunehmen, ihr Rücken beugte sich über das Poesiealbum, langsam blätterte sie um, und ich hörte sie murmeln:

"Die Partei, die Partei,
die hat immer Recht!"

Das kam selbst mir noch seltsam vertraut vor, aber ich kam und kam nicht darauf, wo ich das schon einmal gehört hatte und fragte vorsichtig nach: "Ein schöner Sinnspruch, von wem stammt der wohl?"

"Ooooch", wandte sie sich mir wieder zu, "das ist doch eine uralte Weisheit aus dem Osten. Wenn ich mich in meinem blitzeblank geputzten Häuschen so umschaue, und so eine Waschmaschine ist ja schließlich selbstreinigend, dann weiß ich, dass weder Ochs noch Esel in ihrem Lauf ..., nun ja, dann weiß ich einfach, dass die Demokratie nicht aus den Fugen geraten kann, solange ich sie hüte, dass auch die Europäische Union nicht aus den Fugen geraten kann, solange die Partei - und ich erwähne hier gerne unseren Gemeindekassierer Wolfi - einfach nur fest daran glaubt, Recht zu haben. Schauen sie doch spaßeshalber einfach mal aus dem Fenster! Sind das nicht alles nur noch Zerrbilder von Demokratie und Rechtsstaat, was uns die blinden Butzenscheiben als angebliche Außenwelt vorgaukeln? Nein, nein. Die Wahrheit und die Wirklichkeit, die Einigkeit, das Recht und die Freiheit, die sind hier in meinem Poesiealbum lebendig, und da sollen sie auch bleiben."

"Sie nehmen also nichts mehr ernst, was außerhalb ihrer Waschmaschine so vor sich geht?", fragte ich entsetzt zurück und hoffte auf eine vernünftige Aufklärung meines vermeintlichen Missverständnisses.

"Ganz recht", erwiderte sie verschmitzt. "Wir dürfen uns von der Realität nichts vorgaukeln lassen, was die Reinheit unserer Gedanken stören könnte. Es kann und darf keine Alleingänge geben! Sehen Sie, hier!", sagte sie und blätterte im Poesiealbum erneut eine Seite um.

Brüderlein fein,
Brüderlein fein,
mußt mir ja nicht böse sein;

Brüderlein fein, Brüderlein fein,
mußt nicht böse sein.
Scheint die Sonne noch so schön,
einmal muß sie untergehn!

"So ist das eben. Die Menschen glauben, die Welt sei aus den Fugen geraten. Dabei geht morgen die Sonne schon wieder auf. Ochs und Esel in ihrem Lauf... Die Menschen fürchten, niemand kümmere sich um ihre Anliegen. Was für Zerrbilder! Die Sonne muss untergehen, damit der Morgen grauen kann! Und da kann mir keiner was vormachen. Wenn wieder gewählt wird, und die mit ihren Zerrbildern Propaganda machen wollen, dann kann ich mich mit den besten Argumenten in die Debatte einbringen. Sehen Sie, hier!" Und damit schlug sie wieder eine neue Seite ihres Poesie-Albums auf. "Das habe ich selbst geschrieben!"

Noch nie hatten so viele Menschen was zu tun,
noch nie ging es der Wirtschaft so gut,
drum schlacht ich mir heute ein Huhn,
und brate es über der Glut.

"Ein Huhn?", fragte ich entsetzt. "Sind Hühner nicht auch schutzbedürftig?"

"Ach was", kicherte sie, und das Funkeln in ihren Augen wurde geradezu tückisch, so dass ich mich vorsichtshalber ein paar Schritte von ihr entfernte. Sie bemerkte das, funkelte mich noch intensiver an, und rief mir nach: "Gehen Sie ruhig. Gehen Sie zurück in die Welt der Zerrbilder da draußen. Da ist niemand schutzbedürftig. Da draußen ist alles schnurzpiepegalbedürftig! Und daran halte ich mich. So wahr mir - ach was! Daran halte ich mich, und ich halte mein Zerrbildhausen sauber, in meiner Waschmaschine!"

Ihr Blick glitt wieder ins Poesiealbum - und ich glitt durch das Flusensieb hinaus - und siehe da, plötzlich befand ich mich wieder in einem wahren Panoptikum von Zerrbildern, wollte zurück in die Geborgenheit der Waschmaschine, aber die Übertragung der Neujahrsansprache war zu Ende und die Waschmaschine mit ihren klaren Bildern war meinem Blick entzogen.

Nächstes Jahr, das habe ich mir fest vorgenommen, nächstes Jahr bleib ich drinnen - und suche mir auch ein Poesiealbum.


 

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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