Paukenschlag
am Donnerstag
No. 49/ 2016
vom 8. Dezember 2016


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Gedanken zum Jahreswechsel

 

Warum die Demiurgen
die Macht behalten

 

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, was und wie der Demiurg sei, der aus dem Chaos die Welt erschaffen hat. Wählen wir die hässlichste und zugleich wahrscheinlichste Variante, wie sie im Markionismus zu finden ist.

Dort ist der böse Gott des Alten Testamentes der Demiurg, der eine grobe und grausame materielle Welt geschaffen hat, die nur durch Gesetz und Gericht gewaltsam zusammengehalten werden kann. Mit dem Erlösergott des Neuen Testaments hat dieser nichts zu tun, Markion meinte, die beiden hätten sich noch nicht einmal gekannt.

Viele unverständliche Phänomene, ja Paradoxien des Weltgeschehens werden erst erklärbar, wenn man diesem Gedanken folgt und sein Fortwirken bis in unsere Tage und weit darüber hinaus als Realität ansieht. Wenn man erkennt, dass die Gesetze des Materialismus und die Gesetze des Spiritualismus unvereinbar nebeneinander existieren, kann man die besonders herausgehobenen Figuren der Weltgeschichte bis in unsere Tage einem der beiden Lager zuordnen.

Vor allem aber sieht man immer wieder jenen verhängnisvollen Prozess, dass Menschen ihren guten Willen, ihre besten Absichten, ihre Friedfertigkeit und Nächstenliebe verlieren, sobald ihnen Macht über die materielle Welt verliehen wird. Denn dann stehen sie jenen gegenüber, welche von Anfang an nur den Materialismus vertreten, der zugleich Egoismus sein muss, der nicht anders kann, als danach zu streben, sich "Alles" anzueignen und unterzuordnen, weil der Demiurg in ihnen das Versagen der eigenen Schöpfung nicht auf die eigene Unvollkommenheit, sondern nur auf die störende Existenz dessen zurückführen kann, was er (noch) nicht beherrscht.

Wer aber als Mensch aus Fleisch und Blut, der seine materiellen Bedürfnisse hat und sie befriedigen muss, jenen gegenübersteht, deren Egoismus seine materielle Existenz bedroht, hat nur die Wahl, sich entweder auf deren Spielfeld zu begeben und nach deren Regeln die Ellenbogen auszufahren, oder sich jeglicher materiellen Bedürfnisse bis auf die allergeringsten, überlebensnotwendigen zu enthalten, also letztlich das Leben eines besitzlosen Eremiten zu führen.

Wer Verantwortung für andere annimmt, hat diese Wahl nicht mehr. Er muss ihre materielle Basis sichern, ja sogar ausbauen, will er nicht die Schuld auf sich laden, Not und Leid der ihm Vertrauenden untätig zuzulassen.

So werden aus Vertretern der Friedensbewegung knallharte Kriegsbefürworter, aus Friedensnobelpreisträgern Drohnenmörder, aus Sozialdemokraten Autokraten und so kann es nicht ausbleiben, dass selbst die Töchter von Päpsten (Lucrezia) oder Pfarrern (Angela) zu den mächtigsten Frauen ihrer Zeit heranwachsen und in bester Absicht Unheil anrichten, als seien sie ein Teil jener Kraft, die nicht, wie bei Mephisto, das Böse will und dabei das Gute schafft, sondern umgekehrt - jener Kraft, die mit gutem Willen und besten Absichten viel Unheil anrichtet.

Man könnte es den "Fluch der Macht" nennen, der unausweichlich dazu zwingt, im Versuch, Vollkommenheit zu erreichen, Bestehendes - weil nichts anderes da ist - zu zerstören, nur um aus den Trümmern erneut Unvollkommenes hervorzubringen.

Platon betrachtete den Demiurgen als denjenigen, der den Versuch unternimmt, nach einem Blick auf die Vollkommenheit der rein geistigen, zeitlosen Urbilder (Ideale), aus der Materie, die unvollkommen ist, deren Abbilder zu schaffen, was als Sisyphusarbeit zum ewigen Misslingen verdammt ist.

So wie dem wunderbaren Palmenstrand zur Vollkommenheit nur die Hotels fehlen, deren Errichtung ihn zerstört, fehlte der Sozialen Marktwirtschaft des Ludwig Erhard nur die Freiheit des Kapitals, deren Gewährung sie zerstörte. Die Unvollkommenheit der Sozialversicherung, dass nämlich ausgerechnet in schlechten Zeiten, wo man sie braucht, die Ausgaben wachsen während Einnahmen sinken, sollte von Politikern, die sich als Demiurgen nicht anders zu helfen wussten, dadurch behoben werden, dass durch die Kürzung der Ausgaben der Zwang zur Arbeitsaufnahme und damit zur Steigerung der Einnahmen immer weiter verstärkt wurde. So wurden die alten Sozialversicherungen zerstört und stattdessen die Gebräuche der Zwangsarbeit reaktiviert.

Unendliche Mengen an Energie werden dafür aufgewendet, ja verschwendet, um endliche Ressourcen fossiler Energieträger zu erobern, weil der Preis der Energie eine Unvollkommenheit im Regelwerk des profitorientierten Wirtschaftens darstellt, zu deren Beseitigung selbst das Risiko in Kauf genommen wird, die Erdoberfläche im atomaren Feuer vollständig verbrennen zu lassen.

Als der Demiurg seinen Geschöpfen den Auftrag gab, sich die Erde untertan zu machen, taten sie das. Sie tun es immer noch. Und je mehr es werden, und je weniger dabei für den Einzelnen abfällt, desto intensiver wird das Ringen, jeder gegen jeden, denn jeder glaubt, er persönlich müsse ganz alleine für sich so viel Erde wie möglich sich untertan machen.

So ringen die Lufthansa und ihre Piloten verbissen um ihre Anteile an der Erde, so bekriegen sich christliche und weniger christliche, ökologische und sozialistische, nationalistische und internationalistische Parteien, um ihren Anteil an der Gestaltungsmacht über ein Stück der Erde, das sie sich untertan machen wollen. So kommt es, dass alles, was einst "Allmende" war, was später noch "Grundversorgung" und "Infrastruktur" genannt wurde, von Volksvermögen in Privatvermögen umgewandelt wird. Nicht, weil Schäuble Schulden tilgen will, sondern weil dem blühenden Land noch die Gewinnquellen fehlen, genau so, wie dem wunderschönen Strand die Hotels.

Und weil die Erde endlich ist und auch die Märkte immer noch endlich sind, ist der Krieg um Marktanteile in bestimmten Branchen längst zu einem Krieg um die Kaufkraft - über alle Branchen hinweg - ausgeartet.

Was die Haus- und Grundbesitzer an Mieten und Pachten für sich beanspruchen, kann nicht mehr in den Eigenheimbau fließen, was die Energielieferanten am Stromzähler und an der Zapfsäule für sich abschöpfen, muss durch Mehrarbeit, statt Freizeit, verdient werden. Was die Automobilindustrie verdient, fehlt in der Urlaubskasse, was die Kommunikationsanbieter absacken, kann nicht mehr als Lebkuchen unter dem Christbaum liegen.

So graben die sich die Großen gegenseitig das Wasser ab, und die Kleineren jagen sich gegenseitig die Plätze in den Nischen ab, wo dann prekär Beschäftigte glauben, den eigenen Arbeitsplatz wenn es sein muss, durch Mobbing sichern zu müssen.

Politik, die auf Wählerstimmen angewiesen ist, versucht durch ständiges Umverteilen möglichst jedem etwas zu nehmen um möglichst jedem wieder etwas geben zu können, wobei alle diese Versuche nur in immer neuen Unvollkommenheiten enden, was zumindest die Beschäftigung der Politiker sichert, aber nach und nach eben auch als Unvollkommenheit des Systems wahrgenommen wird, weshalb die Mehrheiten für eine bestimmte Richtung nie dauerhaft stabil bleiben können und selbst ein System, das nahe an das mögliche Maß der Vollkommenheit heranreicht, irgendwann stürzen muss.

Die Welt des Demiurgen ist die Welt des Kleinkindes, das mit Holzklötzchen spielt und dabei allmählich ein Gefühl für die Gesetze der Statik entwickelt, aber nicht anders kann, als diese immer wieder bis zum Einsturz des kunstvollen Bauwerks auszutesten.

Heinrich Böll hat den Statiker Robert Fähmel in "Billard um halbzehn" zum genialen Zerstörer werden lassen. Seine Sprengungen waren Kunstwerke - und so darf es nicht verwundern, dass auch in den Bereichen der Kunst und der Unterhaltung immer wieder zerstörerische, destruktive Elemente die Vorherrschaft gewinnen, die von ihren Urhebern tatsächlich als wertvoll betrachtet werden, weil sie das "Erstarren" verhindern und schon alleine deswegen einen "Fort-"schritt darstellen.

Wer glaubt, einen Staat nur mit immer neuen und immer schärferen Gesetzen zusammenhalten zu können, wie es der derzeitigen Regierung Deutschlands vorzukommen scheint, wer sich, wie die französischen Regierung in den Notstand rettet, oder wie die US-Regierung mit den Methoden der Homeland-Security den Zusammenbruch verhindern will, ist Demiurg am Ende eines misslungenen Schöpfungsprozesses, der schon in die Zerstörung des eigenen Werkes übergeht.

Doch auch dies ist darauf zurückzuführen, dass die Welt endlich ist, und die Schuld an aller Unvollkommenheit stets darauf zurückgeführt wird, dass noch nicht alles unter Kontrolle ist.

Und selbst wenn es eines Tages eine Weltregierung geben sollte, wird sie doch zwangsläufig erst einmal eine rein materialistische Herrschaft ausüben können und damit den Keim zur Selbstzerstörung schon wieder in sich tragen.

Es ist - aus heutiger Sicht - kein Ende der Herrschaft der Demiurgen abzusehen. Es wird - auf absehbare Zeit - der Frieden immer nur die Episode zwischen zwei Kriegen bleiben.

Je größer und höher das Bauwerk aus Holzklötzchen gewachsen ist, je stolzer seine Erbauer auf alle anderen Baumeister herabblicken, desto näher der Zeitpunkt, an dem die geringste Umgestaltung, der leiseste Windhauch, vollkommen unerwartet den Einsturz, den totalen Zusammenbruch, den Crash auslösen.

Danach wird man dann besonnener, vorsichtiger, ist aus Erfahrung klug geworden. Da ruft man aus tiefster Überzeugung: "Nie wieder Krieg!" Doch bald schon wachsen die Türme wieder und von da oben weitet sich der Blick auf alles, was noch nicht unter Kontrolle ist, dann ruft man nicht mehr: "Nie wieder Krieg!", sondern, auch aus dem Mund des Predigers: "Wir müssen wieder(!) mehr Verantwortung übernehmen!"

Bölls Statiker übernahm als Zyniker die Verantwortung, seinem verrückten Artilleriegeneral das "Schussfeld" freizusprengen und machte auch vor der von seinem Vater einst errichteten großen Abtei nicht halt.

 

Was wir Menschen auf dieser Erde treiben ist Wahnsinn.

Alle klugen philosophischen Erkenntnisse, alle spirituellen Lehren konnten daran bis heute nichts ändern. Der Wahnsinn behält die Oberhand.

Selbst die blutigsten Revolutionen, mit den besten Absichten erfolgreich durchgeführt, brachten nur einen neuen Wahnsinn hevor, mit neuen Demiurgen, die ihre eigene Unvollkommenheit ins Gigantische steigern, weil sie Größe und Qualität nicht unterscheiden können.

Dabei wissen wir alle (vermutlich alle) ziemlich genau, dass es Wahnsinn ist, wenn die Ozeane leergefischt werden, weil schon die vereinbarten Fangquoten zu hoch sind und niemand wirklich damit beginnen will, die illegalen Fangschiffe aufzubringen.

Wir wissen vermutlich alle ziemlich genau, dass es Wahnsinn ist, immer mehr Geld in die Rüstung zu stecken, immer wirkungsvollere Waffensysteme zu entwickeln und in Dienst zu stellen, nur weil wir den Kontrollverlust mehr fürchten als alles andere.

Wir wissen vermutlich alle ziemlich genau, dass es Wahnsinn ist, immer mehr natürliche Ressourcen für immer kurzlebigere Gebrauchsgegenstände in Sondermüll zu verwandeln, nur weil wir trotz des Wissens um die Endlichkeit der Welt den Glauben an das "ewige Wachstum" nicht aufgeben wollen, weil wir nicht anders können als nach dem Mehr und dem Immer-Mehr zu streben, jeder für sich und alle miteinander.

Wir wissen vermutlich alle miteinander, dass es Wahnsinn ist, einen kleinen Teil der Bevölkerung unter wachsendem Stress bei immer weniger Freizeit den Großteil der notwendigen - und noch viel mehr vollkommen überflüssige - Arbeit aufzubürden, während wir einen großen Teil der Bevölkerung zur Untätigkeit und Armut verurteilen, nur weil der "Fortschritt" es möglich macht und der "Internationale Wettbewerb" uns keine andere Chance mehr lässt.

Alle Aufrufe zur Bescheidenheit werden von der Werbung für die Maßlosigkeit übertönt.

Die Ideale der französichen Revolution, Liberté, Égalité, Fraternité, sind Ideale geblieben, denen sich in der Realität unmittelbar die Fratze des Gegenteils als die überlegene Wahl gegenüberstellt.

Alle Aufrufe zur Brüderlichkeit werden von den sichtbaren Erfolgen des Egoismus als Dummheit verhöhnt.

Alle Forderungen nach Gleichheit werden mit dem Ansporn zu mehr und immer mehr Leistung konterkariert, weil wir eben nicht nach Gleichheit, sondern nach Überlegenheit streben.

Alle Bekenntnisse zur Freiheit werden zu hohlen Phrasen, weil die Freiheit des anderen die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Unerwarteten weckt und weil die Freiheit des anderen gleichzeitig den eigenen Kontrollverlust mit sich bringt.

Wo sich ein solcher Kontrollzwang beim Individuum darin äußert, dass es mehrfach prüfen muss, ob der Herd ausgeschaltet, der Wasserhahn oder die Haustüre geschlossen ist, spricht man von einer Zwangsstörung, die unter günstigen Umständen therapierbar ist. Die Psychotherapeuten wissen, dass diese Patienten um das Irrationale ihres Verhaltens wissen, aber eher immer tiefer darin versinken, als sich selbst wieder daraus befreien zu können.

Jeder größere Zusammenschluss von Menschen, egal ob im Verein, im Unternehmen, ob in der Schulklasse oder in der Kompanie, ob als Bürger einer Stadt, als Angehöriger einer Ethnie, einer Religionsgemeinschaft oder eines Volkes, zeigt jedoch die exakt gleichen Symptome in mehr oder minder starker Ausprägung, wobei auch hier zu beobachten ist, dass die Symptomatik sich im Laufe der Zeit verschlimmert, bis zu dem Punkt, an dem sich die übergroß gewordene Angst vor dem Kontrollverlust in Aggression gegenüber der Außenwelt entlädt.

Die Therapie für Menschen, die unter Kontrollzwang leiden, ist dann besonders erfolgreich, wenn die Betroffenen neben "beruhigenden Medikamenten" auch die Gelegenheit erhalten, sich unter psychologischer Betreuung ihren Ängsten zu stellen und damit das zurück zu gewinnen, was sie unter Selbstzweifeln begraben haben, nämlich ein gesundes Selbstvertrauen.

Eine Therapie für Staaten gibt es nicht - und kann es wohl auch niemals geben. Es sei denn, man beginnt da, wo es möglich ist, nämlich bei den einzelnen Individuen.

Deren Angst vor dem Kontrollverlust ist umso größer, je stärker der Staat die Kontrolle bereits übernommen hat, je mehr sie durch Gängeleien und Sanktionen in die Enge getrieben, in Selbstzweifel gestürzt und ihres Selbstvertrauens beraubt worden sind. Wo offizielle Meinungsfreiheit herrscht, gleichzeitig aber die Verletzung der political correctness unverzüglich Sanktionen nach sich zieht, wo eine Gestapo, eine Stasi, ein BND, ein Verfassungsschutz oder eine NSA als immerwaches Auge und immer offenes Ohr zu gewärtigen sind, wo eine Antonio Amadeo Stiftung, die zusätzlich die Kommunikation überwacht, die Betreiber der Kommunikationsnetze zwingen kann, unliebsame Inhalte zu unterdrücken, wird die Bevölkerung mit großen Knüppeln zu Opfern eines pathologischen Kontrollzwangs gemacht.

Da wird hundert Mal überlegt, wem ich vielleicht welchen Gedanken noch anvertrauen könnte, und hundert Mal überlegt, ob ich vielleicht doch schon zu viel gesagt habe, und es regt sich der Zweifel, ob ich heute überhaupt noch sagen sollte, was heute gerade noch erlaubt ist, weil mir womöglich morgen daraus schon nachträglich ein Strick gedreht werden könnte.

Dass aus solchen Völkern nur noch Politiker hervorgehen können, die ihren eigenen Kontrollzwang so perfektioniert haben, dass aus ihrem Munde kein einziger klarer, nicht in mehrfacher und vollkommen konträrer Weise interpretierbarer Satz mehr kommt, die sich deshalb auch an nichts mehr gebunden fühlen, außer an ihre tiefsitzende Angst, doch etwas falsch machen zu können, die deshalb auch unbeweglich an einmal getroffenen, längst als falsch erkannten Entscheidungen festhalten, weil sie fürchten müssen, mit dem Eingeständnis eines Fehlers die Kontrolle zu verlieren, ist kein Wunder.

Die Karre steckt schon verdammt tief im Dreck. Deshalb müssen wir alle aussteigen, mit den sauber geputzten Schuhen in den Schlamm steigen und mit vereinten Kräften alles tun, um sie wieder auf den befestigten Weg zu bringen.

Das heißt, wir müssen uns unserer Angst stellen. Wir müssen wieder lernen, ein Risiko einzugehen. Wir müssen andere dazu aufrufen, sich ebenfalls ihrer Angst zu stellen. Wir dürfen nicht aufhören, darauf hinzweisen, dass nicht nur der Kaiser, sondern auch die Kaiserin nackt sind - und dann müssen wir die Betrüger, die das Lügengespinst gewebt haben, enttarnen und damit wirkungslos und unschädlich machen.

Wir sollten den Mut haben, der Kaiserin und dem Kaiser neue Kleider anzubieten und sie davon zu überzeugen, dass ihre Nacktheit ihrem Ansehen schädlich ist.

Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, werden wir vielleicht, wie die Amerikaner und die Briten, wie unsere Nachbarn in Polen, Österreich und Frankreich, bei der nächsten Bundestagswahl den Kontrollverlust der Altparteien herstellen. Das wäre - therapeutisch gesehen - die Kognitive Verhaltenstherapie mit Konfrontationsübungen. Dann hätten sie Gelegenheit, sich ihren Ängsten zu stellen und sie zu überwinden.

Doch dieser Weg ist zum Scheitern verurteilt. Ein Wahlergebnis kann Gesichter verändern, vielleicht auch die Richtung um ein paar Grad drehen, doch die Nachfolger müssen leider aus dem gleichen Holz geschnitzt, vom gleichen demiurgischen - und daher unerreichbaren - Perfektionismus besessen sein, wie ihre Vorgänger, weil sie sonst niemals in die Lage gekommen wären, als Nachfolger anzutreten.

Der andere Weg, der sich anbietet, ist weitaus schwieriger zu gehen, doch er hängt nicht von den Führungsfiguren ab. Jeder kann für sich ein Stück dieses Weges befestigen, ja sogar schattenspendende Alleen anlegen, er muss sich nur überwinden können, der geistigen Fastfood-Nahrung zu entsagen, die vor Fett, Salz und Zucker strotzt, die mit künstlichen Farb- und Aromastoffen dem Auge und der Zunge erst Genießbarkeit vorzugaukeln vermag, und an jeder Straßenecke zum "Genuss" einlädt.

Wer sich mit Hamburgern und Pommes, mit Cola und Pizza vollstopft, wird die gute Mahlzeit am Ende des Tages verschmähen, weil er schon bis zum Rand abgefüllt ist.

Wer es gerade noch schafft, neben Action-Thrillern und Blödel-Sitcoms, neben supertollen Videospielen, Youtube-Bestsellern, Facebook-Likes und Twitter tweeks, hin und wieder eine Nachricht im Fernsehen aufzunehmen, der ist schlicht abgefüllt.

Was wir aber bräuchten, um die materialistischen Wüteriche zu stoppen, wäre wahre Bildung. Nicht bloß verwertbares Wissen, sondern die Fähigkeit, die Dinge vom Ende her zu denken, die Fähigkeit, Verantwortung nicht nur für sich selbst und seine nächste Umgebung zu übernehmen, sondern auch das Große und Ganze im Blickfeld zu behalten. Dazu gehört zwangsläufig Übung im logischen Denken, Übung im Hinterfragen vermeintlicher Wahrheiten und angebotener Erklärungen und Prognosen. Dazu gehört Ernsthaftigkeit.

Ernsthaftigkeit schließt Spaß und Vergnügen nicht aus. Wo bei der Jagd nach Spaß und Vergnügen die Ernsthaftigkeit jedoch nur als störend empfunden, ja glatt abgelehnt wird, da kann nichts Gutes mehr gedeihen.

Wie aber soll diese Ernsthaftigkeit wieder Einkehr halten? Wie können Kinder, junge Erwachsene und jene, die voll im Leben stehen, wieder lernen zu unterscheiden zwischen Lernen und Toben, zwischen Arbeit und Vergnügen, zwischen Selbstsucht und wahrer Selbstverwirklichung, zwischen Sinn und Unsinn, zwischen teurem Tand und kostenlos bereitstehenden Werten?

Die Schulen versagen. Wo es früher genügte, ein Gespräch mit den Eltern anzudrohen, um zum Lernen anzuspornen, führt heute eine Note, die nicht eins oder zwei ist, doch dazu, dass die Eltern zum Anwalt rennen, um die Schule mit juristischen Mitteln zu zwingen, dem gehätschelten Einzelkind Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - und das mit Erfolg. Das Versagen der Schulen ist so total, dass selbst das Bundeskriminalamt nicht in der Lage ist, in der Masse der Bewerber hinreichend viele Abiturienten zu finden, die der deutschen Sprache so mächtig sind, wie es der Einstellungstest erfordert.

Eltern sind häufig überfordert. Sei es, weil sie selbst nichts anderes kennen, sei es, weil sie zwar wüssten, worauf es ankommt, ihnen aber neben dem Beruf nicht die Zeit bleibt, die erforderlich wäre, um gegen den ganzen glitzernden Unrat anzukämpfen, der die kleinen Köpfe ausfüllt und in der Schule nicht entzaubert wird.

Für jene, die es sich leisten können, ist schon lange die Privatschule der Ausweg. Tatsächlich werden dort bessere Leistungen erzielt, wird mehr Wissen erworben, und neben dem Wissen auch Verständnis, und neben dem Verständnis auch die Fähigkeit, selbstbewusst und überzeugend aufzutreten. Leider mündet dies bei den allermeisten Absolventen dieser Eliteschulen nicht in "besserem" Verhalten, sondern in nur geschickterem Ausleben des Egoismus und fördert damit das bestehende System, statt es zu erodieren.

Was wir bräuchten, wäre eine um sich greifende Motivation, ein "Weltverständnis" zu erwerben und es in Weisheit anzuwenden.

Die Esoterik-Welle war - bzw. ist noch - ein Ausfluss dieser Motivation. Leider in vielen Fällen auf Gurus und Lehren fokussiert, die Erkenntnis und Sicherheit nur vorgaukeln - was allerdings daran liegt, dass dies die einzigen attraktiven Angebote sind, auf welche der Sinnsuchende stößt.

Ich habe viel über die ehemaligen Arbeiter-Bildungsvereine nachgedacht. Organisationen, die schon um 1830 in Deutschland entstanden waren. Dort wurde neben berufsfachlichen Kenntnissen ebenso Wert auf Allgemeinbildung gelegt und es wurde, auf Basis der vermittelten Bildung über die aktuelle Politik diskutiert. Eine Bewegung, die zunächst geduldet wurde, nach der Niederschlagung des Revolutiönchens von 1848 aber fast vollständig verboten wurde. Doch die Arbeiterbildungsvereine erholten sich wieder und näherten sich vor allem der damaligen SPD an. Ihre Geschichte endet mit der Machtergreifung der NSDAP 1933. Nach 1945 fand kein Versuch der Wiederbelebung mehr statt.

Die Frage, warum sie 1848 verboten wurden, warum sie 1933 in der Gleichschaltung untergehen mussten und warum sie nach 1945 nicht wieder neu gegründet wurden, wird oberflächlich zu drei sehr unterschiedlichen Antworten führen. Im Kern muss davon ausgegangen werden, dass Volksbildung bis heute als eine Gefahr für den Status quo empfunden und daher durch viel Spiele, weil die billiger sind als Brot, und etwas Fastfood verdrängt wird.

Als Ersatz für diejenigen, die versuchen, etwas Bildung nachzuholen, sind die Volkshochschulen entstanden. Doch deren Angebot entspricht einzelnen Steinchen aus einem Mosaik, die zwar glänzen, aber den Blick auf das Große und Ganze - außer vielleicht in Philosophie-Kursen - nicht ermöglichen.

Ich möchte daher mit diesen Gedanken zum Jahreswechsel versuchen, einen Stein ins Rollen zu bringen, in der vagen Hoffnung, dass er sich vielleicht zu einer Lawine entwickeln könnte.

Ich weiß aus allgemein zugänglichen Statistiken, dass meine Kommentare ganz überwiegend von Menschen über 50 Jahren gelesen werden. Zum Glück sind auch Jüngere dabei, aber eben in der Minderheit.

Menschen über 50, die noch dazu meine Webseite gefunden haben, scheinen mir eine gute Basis zu bilden, um den ins Rollen kommenden Stein weiterzugeben.

Keine Angst, ich komme jetzt nicht mit einem Kettenbrief. Ich komme mit einer Idee für ein sehr persönliches Weihnachtsgeschenk an ihre Kinder und Enkel.

Sie haben in Ihrem Leben schon einiges erlebt, einige Erfahrungen gemacht, die ihr Denken und Handeln nachhaltig beeinflussen. Man kommt leider nur selten dazu, diese Erfahrungen weiterzugeben. Die Gespräche drehen sich meist um Triviales (was normal ist), und um etwas Wichtiges zu vertiefen, fehlt oft einfach die Gelegenheit.

Ich möchte daher fragen, ob Sie es für eine gute Idee hielten, ihre wichtigste und prägendste Erfahrung in einer kurzen Aussage als ihr Leitmotiv zum Ausdruck zu bringen. Diesen Satz in schöner Form niederzuschreiben oder auszudrucken, das Papier zu unterschreiben, es in ein Kuvert zu stecken oder in einen Rahmen zu fassen und als ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk zu überreichen.

Ich kann mir vorstellen, dass ein solches Geschenk auch in der ausgelassensten Runde Aufmerksamkeit und Neugier wecken wird und damit möglich macht, über Dinge und Themen zu sprechen, die sonst zu kurz kommen, und dass es vielleicht sogar von den so Beschenkten als Anregung genommen wird, demnächst Gleiches zu tun, weil diese ernsthaft vermittelte Botschaft so viel ausgelöst hat.

 

Ich schenke Ihnen heute eines meiner Leitmotive:

 

Frohe Weihnachtstage
und einen guten Rutsch!

 


 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 

 

 

 

 Anker Julie